Ladeinfrastruktur zwischen politischen Zielen und tatsächlichem Bedarf

Der Ausbau der Ladeinfrastruktur für die Elektromobilität ist in den letzten Jahren von Seiten der Politik stark forciert worden, sodass die Kapazität der Ladepunkte den tatsäch­lichen Bedarf der Elektro­fahrzeuge derzeit deutlich über­steigt und die Nutzung der Lade­stationen so gering ist, dass einige bereits wieder abgebaut wurden. Nichtsdesto­trotz hat die Bundes­regierung das Ziel, bis 2030 eine Million öffentlich zugängliche Lade­punkte bereit zu stellen. In seiner umfassenden und brand­aktuellen (erstellt März bis Juli 2020) Studie „Der Markt für Lade­infra­struktur – Elektro­mobilität in Deutschland bis 2030“ analysiert das Trend- und Markt­forschungs­institut Trend-Research die weitere Entwicklung des Markts für Lade­infra­struktur in fünf Szenarien, betrachtet und bewertet Trends, Markt­treiber und -hemmnisse sowie die daraus entste­henden Chancen und Risiken für Markt­teilnehmer.

Die Nachfrage nach Elektro­fahrzeugen als PKW ist in den letzten Monaten deutlich gestiegen: z.B. von Januar 2019 zu Januar 2020 um 64,3% bei batteriebetriebenen Elektrofahrzeugen und um 58% bei Hybrid­fahr­zeugen. Insgesamt gibt es unter den PKW aktuell ca. 676.000 Elektrofahrzeuge auf den deutschen Straßen. Gemessen an den 47,7 Millionen PKW ist der Anteil jedoch weiterhin relativ gering.

Dem Gegenüber hat sich der Bestand der Lade­infra­struktur in den letzten Jahren stark entwickelt: rechnet man die Kapazitäten der heutigen öffent­lichen Ladeinfrastruktur in Deutschland zusammen, könnten – bei einer theore­tisch ange­nommenen voll­ständigen Nutzung – bis zu mehrere Millionen PKW geladen werden. Nach einer umfang­reichen Unter­suchung (aus 2019) werden die Ladestationen jedoch lediglich zwischen einmal die Woche bis einmal am Tag genutzt; dabei sind private Lademöglichkeiten wie Wallboxen oder ganz normale Steck­dosen noch nicht einbe­rechnet.

Rechtliche Rahmenbedingungen fördern Ladeinfrastruktur in Deutschland

Der Ausbau der Ladeinfra­struktur wird durch eine Vielzahl rechtlicher Rahmen­bedingungen beeinflusst: So wird in dem Gesetz zur Digitali­sierung der Energie­wende die Umrüstung der Zählpunkte von Ladepunkten mit intelligenten Mess­systemen ab 2021 beschlossen, während die Lade­säulen­verordnung eine leichtere Authenti­fizierung und Bezahlung anstrebt. Das Gebäude-Elektro­mobilitäts­infrastruktur­gesetz (GEIG), das voraus­sichtlich 2021 in Kraft tritt, ist vor allem an Wohn- und Nichtwohn­gebäude mit größeren Park­plätzen adressiert. Ab 2025 sind Eigentümer dazu verpflichtet, diese mit mindestens einem Ladepunkt auszustatten. Laut dem Handels­verband Deutschland (HDE) gibt es in Deutschland rund 450.000 Handels­standorte; mit dem Gesetz werden allein im Lebensmittel­einzelhandel rund 38.000 Standorte zum Aufbau von Ladesäulen verpflichtet sein. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl an Förder­programmen für den Ausbau der Elektro­mobilität und der Lade­infra­struktur sowohl auf Bundes- und Landes­ebene als auch kommunal.

All diese Gesetze und Förderprogramme haben einen erheblichen Einfluss auf den Markt: der Bestand der Lade­infra­struktur ist in den letzten Jahren stark gestiegen, insbesondere im öffent­lichen und teil­öffentlichen Bereich. Gab es im Jahr 2015 noch unter 1.000 öffentlich zugängliche Ladesäulen in Deutschland, sind es derzeit bereits über 22.000 Ladesäulen mit mehr als 60.000 Ladepunkten. Dem gegenüber stehen aktuell ca. 303.000 Elektro­autos, davon 135.000 Plug-In-Hybride, welche geladen werden müssen; insbesondere letztere werden jedoch teilweise nur selten oder nie geladen.

Bundesregierung plant weiteren Ausbau trotz aktuell geringer Wirtschaftlichkeit

Im Zuge des Klimaschutzprogramms im Verkehrs­sektor hat die Bundes­regierung das Ziel formuliert, dass bis 2030 sieben bis zehn Millionen Elektro­fahrzeuge in Deutschland zugelassen sind; dieses Ziel wird u.a. mit Kaufprämien für mit Elektro-und Brennstoff­zellen betriebene Fahrzeuge sowie Hybrid­elektro­fahrzeuge gefördert. Zudem plant die Bundes­regierung bis zum Jahr 2030 den Ausbau der Lade­infra­struktur auf eine Million öffentlich zugängliche Ladepunkte; dies entspricht ca. 400.000 bis 500.000 Lade­stationen. Dazu hat sie bereits einen „Master­plan Lade­infra­struktur“ beschlossen. Mit dem Corona-Konjunktur­paket vom 03.06.2020 will der Bund die Umsetzung des Masterplans beschleunigen und plant die Investition von zusätzlich 2,5 Milliarden Euro u.a. für den Ausbau moderner und sicherer Ladeinfra­struktur.

Ob dieses Ziel dem tatsächlichen Bedarf entspricht, wird teilweise in Frage gestellt: der BDEW sagt, es reichen 300.000 bis 350.000 Ladepunkte; andere sprechen von noch deutlich weniger benö­tigten Ladepunkten und -stationen, auch vor dem Hinter­grund des – trotz deutlichen Anstiegs in den vergangenen Monaten – bisher noch relativ geringen Zuwachses an Elektro­fahr­zeugen. Hinzu kommt, dass die derzeit noch recht hohen Hürden für die Errichtung privater Lade­punkte durch das Gebäude-Elektro­mobilitäts­infrastruktur­gesetz beseitigt werden; Mieter und Wohnungs­eigentümer sollen zukünftig einen An­spruch auf Ladestationen haben, sodass der Bedarf an öffentlicher Lade­infrastruktur voraus­sichtlich weiter sinken wird.

Ungeachtet des Bedarfs ist für die Realisierung des Ausbau­ziels von einer Million öffentlich zugänglicher Ladepunkte bis 2030 die weitere Förderung von Seiten des Bundes, der Länder und der Kom­munen entscheidend. Dabei ist derzeit jedoch fraglich, ob diese – u.a. aufgrund der geringen Auslastung und der damit für die Betreiber verbundenen geringen Wirtschaft­lichkeit der Ladesäulen – auch in den nächsten Jahren die finanziellen Mittel für den weiteren Ausbau bereit stellen wollen oder auch können: insbesondere die wirtschaftlichen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie können dazu führen, dass vor allem Kommunen kurz- und mittel­fristig andere Investi­tionen vorziehen.

Trend-Research untersucht weitere Entwicklung des Marktes für Ladeinfrastruktur anhand von fünf Szenarien

In seiner aktuellen Studie „Der Markt für Ladeinfra­struktur – Elektro­mobilität in Deutschland bis 2030“ untersucht das Trend- und Markt­forschungs­institut Trend-Research die weitere Entwicklung der Lade­infra­struktur bis 2030 auf Basis von über 220 Prämissen und Kategorien: diese reichen von politischen und rechtlichen Rahmen­bedingungen auf kommunaler, nationaler und europäischer Ebene über gesellschaftliche Rahmen­bedingungen wie Akzeptanz, demogra­phische Entwicklung, Konsum­verhalten und ökologisches Bewusst­sein bis hin zu ökonomischen Rahmen­bedingungen wie der Konjunktur, den Auswir­kungen der „Corona­krise“ und der Wettbewerbs­situation. Auch die zukünftigen Zulassungs­zahlen für Elektro­fahrzeuge sind ein wesentlicher Bestandteil.

Unter Berücksichtigung dieser Prämissen betrachtet trend:research fünf Szenarien für die weitere Entwicklung der Lade­infra­struktur. Im Szenario „Corona“ kommt es zu einer spürbaren Rezession, welche sich unmittelbar auf den Markt durch ein stagnierendes Kauf­interesse an Elektro­fahrzeugen und dem damit geringen/länger­fristig ausbleibenden Ausbau der Lade­infra­struktur auswirkt. Im wahrschein­lichsten Szenario „Referenz“ wird sich nach Ende der Coronakrise der Markt für die Elektro­mobilität bereits im kommenden Jahr erholen; durch ein weiterhin steigendes ökologisches Bewusstsein in der Bevölkerung, die Erhöhung der Batterie­kapazität und Förder­maßnahmen des Staates nimmt das Interesse an Elektro­mobilität weiter zu und führt zu einer Zulassung von neun Millionen Elektro­fahrzeugen bis 2030. Im „dynamischen“ Szenario wird von einer starken Förderung der Elektro­mobilität und deren Ladeinfra­struktur ausgegangen; das deutlich zunehmende Bewusstsein für Nachhal­tigkeit in der Bevölkerung führt zu einer starken Nutzung von Elektro­mobilität. Im Szenario „Fördermittel LIS“ wird von einer sehr hohen Förderung sowohl für Ladeinfra­struktur als auch Elektro­mobilität im Allgemeinen ausgegangen; so beinhaltet das im Zuge der Corona­krise beschlossene Wirtschafts- und Konjunktur­paket Förderungen für den Bereich Elektro­mobilität in Höhe von insgesamt 8,4 Milliarden Euro, wodurch sich der Markt besonders stark und schnell entwickelt. Im fünften Szenario erhält Elektro­mobilität starke Konkurrenz durch Wasserstoff (u.a. bzgl. Ausbau der Infra­struktur), sodass die Förderungen und damit der Ausbau der Lade­infrastruktur in den kommenden Jahren sinken werden. (Quelle: Trend-Research)

Anm. d. Red.: Für den Nutzer oder geneigten Nutzer zeichnet sich stelenweise ein anderes Bild, in dem besonders nachgefragte Ladepunkte (wie z.B. in der Heidelberger Bahnstadt an verschiedenen Tagen und Zeiten) vielfach beim Anfahren bereits belegt sind, dabei teilweise durch Car-Sharing-Dauerparker oder aber Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge, für die das Aufladen kein zwingendes Muss darstellt. Es sind aber gerade solche Hemmnisse, die der Akzeptanz der Elektro­mobilität in der Breite entgegen­stehen.

Link: Der Markt für Ladeinfrastruktur Elektromobilität in Deutschland bis 2030, trend:research GmbH, Bremen

Bild: Viel Strom aber keine Abnehmer – Photovoltaikanlage auf dem Parkdeck des Erlanger Einkaufszentrums „Arcaden“ im Sommer 2018. Ladestation: Fehlanzeige. (Quelle: dre)

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